Der Club der wissbegierigen Kinder

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26. März 2012. Berlin-Neukölln, Schmelztiegel von 160 Nationalitäten: Integration ist hier eine tägliche Herausforderung. Das Sozialprojekt Knowledge Club bietet Kindern mit Kreativität, Spaß, Engagement und Know-how neue Perspektiven.

Grundschule am Richardplatz in Berlin-Neukölln, Erdgeschoss, Raum 6. Anna Vatankhah klappt das Übungsheft zu, gerade hat sie Abdul und Meryem beim Rechnen geholfen. „War ganz einfach, wir haben Spiele gespielt“. Abdul lacht. Er wuselt um den Tisch herum, die Jacke hat er schon an und den Ranzen auf den Rücken. Anna Vatankhah manövriert ihn mit sanftem Druck nach draußen. Lernfrust sieht anders aus. „Die Kinder wollen und brauchen die Unterstützung. Sie sind froh, dass wir da sind“. Der große Gruppenraum ist die Zentrale des Knowledge Clubs, den die 31-jährige Sonderpädagogin zusammen mit dem Hamburger Verein „Bildung ohne Grenzen“ in Berlin vor anderthalb Jahren gegründet hat.

45 ehrenamtlich Helfer bieten Kurse an

Hier finden die Kinder nicht nur Hilfe, wenn sie Probleme mit dem Lernen haben. Etwa 45 ehrenamtliche Helfer, Studenten und Bewohner aus dem Kiez, fahren mit ihnen kostenlos Skateboard, drehen einen Film oder spielen mit ihnen Basketball. So wie Konrad und Daniel, die den Basketball Kurs leiten. Seit letzten Oktober sind sie dabei. „Wir haben die kritische Anfangsphase überstanden. Jetzt gibt es so was wie einen Mannschaftsgeist, was die Kinder motiviert regelmäßig zu kommen. Und sie kennen jetzt die Spielregeln und machen nicht mehr nur, was sie wollen“. Für manche der Helfer, die die Kurse leiten, ist die oft auch anstrengende Arbeit mit den Kindern eine willkommene Abwechslung zu ihrem sonstigen Arbeitsleben. „Sie haben das Gefühl, hier wirklich etwas Sinnvolles zu tun“, sagt Anna.

Und das Engagement kommt an. Etwa 100 Kinder machen jede Woche mit. Hier wird spürbar, wie gelebte Integration das Leben der Kinder positiv verändern kann. Gerade in Neukölln ist dies nicht selbstverständlich. In dem Berliner Stadtteil leben 320.000 Einwohner aus mehr als 160 Nationen. Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky schafft es, regelmäßig mit provozierenden Worten zur Integrationsdebatte in die Schlagzeilen zu kommen. Berühmt berüchtigt ist sein Kommentar „Multikulti ist gescheitert“ und die FAZ nannte ihn den Poltergeist aus Berlin-Neukölln. Soweit die Politik.

93 Prozent der Schüler kommen aus Migrantenfamilien

Anna Vatankhah konzentriert sich auf das Machbare und rannte damit bei Schulleiterin Marita Stolt offene Türen ein, als sie ihr das Konzept für den Knowledge Club vorstellte. „Das machen wir“, war ihr Kommentar und dann ging es kurze Zeit später los. Im Oktober 2010 startete das Projekt mit einer großen Ideenwerkstatt, bei der sich 120 Schüler, einige Eltern, Lehrer, Erzieher und Engagierte aus der Umgebung zusammensetzten und 34 Kursideen entwickelten wie Modedesign, Fischesezieren, Jungs Club, Fußball oder einen Filmworkshop.  Viele der Ideen wurden umgesetzt, es kommen immer noch neue hinzu und aktuell gibt es 16 Kurse.

Die Grundschule am Richardplatz liegt im Zentrum der historischen Altstadt Neuköllns mit hübschen Bürgerhäusern, Dorfkirche und erhaltener Schmiede. Hier vermischt sich multikulturelles Alltagsleben – auf dem Wochenmarkt bieten türkische und arabische Händler Gemüse, Obst, Fleisch und Stoffe an – mit den idyllischen Überresten preußischer Geschichte. Von den 423 Schülerinnen und Schülern stammen 93 Prozent aus Migrantenfamilien mit 20 verschiedenen Nationalitäten. Die meisten Kinder kommen aus dem türkischen und arabischen Kulturkreis und leben von Transferleistungen wie Hartz IV. In Berlin geht die Grundschule bis zur sechsten Klasse, im Hort werden sie nach dem Unterricht nur bis zur vierten Klasse betreut. Deshalb sind es vor allem die Größeren, für die die Nachmittagsangebote des Knowledge Club interessanter sind, als zu Hause vor dem Fernseher zu hocken. Sie können neue Dinge ausprobieren, ihre Talente entdecken und weiterentwickeln. Dabei müssen sie sich mit den Erwachsenen und anderen Kindern auseinandersetzen und sich an Regeln halten. Das ist oft auch ein Kampf, aber „gerade die Kinder, die ein herausforderndes Verhalten zeigen, wachsen mir besonders ans Herz“.

Der Club finanziert sich durch Stiftungsgelder und öffentliche Mittel

Anna Vatankhah hat nach ihrem Examen als Sonderpädagogin noch den Master in „Intercultural Education“ gemacht. Projektanträge schreiben, Finanzpläne und Dokumentationen erstellen gehören zu ihrem Job dazu, aber wirklich Spaß macht ihr vor allem die Arbeit mit den Kindern. Oder sich mit anderen Schulen im Kiez zu treffen und Ideen zu sammeln, wie ihre Traumschule aussehen könnte. Aber klar, Geld muss auch akquiriert werden. Für dieses Jahr ist die Finanzierung gesichert. Der Knowledge Club wird nun auch im zweiten Jahr mit 20.000 Euro als eines von vier Berliner Lichtpunkte-Projekten gefördert. Lichtpunkte ist ein gemeinsames Programm der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der RWE-Stiftung in Partnerschaft mit der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung. Lernförderung und Nachhilfe wird aus dem Bildungspaket der Bundesregierung bezahlt und auch das Quartiersmanagement Ganghoferstraße unterstützt den Club.

Erst vor Kurzem wurde das Projekt von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit mit dem Preis für „Demokratie und Toleranz 2011“ ausgezeichnet. „Für die Kinder war das großartig“. Das Handy klingelt. Die RWE-Stiftung ist dran. Der Club soll für den Jahresbericht portraitiert werden und es gibt noch Abstimmungsbedarf. Was wünscht sie sich für dieses Jahr, welche Ziele hat sie? „Ein wenig mehr Routine wäre schön. Und neue Ideen, wie wir uns weiterentwickeln und noch besser werden können. Für die Hausaufgabenbetreuung könnten wir noch freiwillige Helfer gebrauchen. “ Wieder der Griff zum Handy. Daniel von der Basketball-AG ruft an. Abdul hat sich verletzt. Ob sie kommen könne, ihre tröstende Wärme sei gefragt. Anna ist schon unterwegs.

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